Präsidialzeit im Coburger Convent

Völkerfamilie Europa

1976/77 „Ziel ohne Alternative“, 2022/23 „ein Schicksal, eine Zukunft“.

Der Coburger Convent ist der Dachverband der Landsmannschaften und Turnerschaften an deutschen und österreichischen Hochschulen. Jedes Jahr übernimmt eine Mitgliedsverbindung für ein Jahr den Vorsitz und gibt dem Verband ein Motto. Saxo-Suevia durfte diese Aufgabe zweimal übernehmen, und beide Male haben wir Europa in den Mittelpunkt gestellt.

1976/77: Ziel ohne Alternative

Das Motto „Völkerfamilie Europa – Ziel ohne Alternative“ ging wesentlich auf unseren verstorbenen Bundesbruder General a. D. Johannes Steinhoff zurück, der 1977 auch die Festrede auf dem Kommers hielt. Steinhoff überlebte den Zweiten Weltkrieg nur knapp und wirkte später in der Bundesrepublik wesentlich am Aufbau der Luftwaffe mit. Am Ende seiner Laufbahn führte ihn diese Tätigkeit als Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses an die oberste militärische Position der NATO. Steinhoff wusste, was Krieg bedeutet. Deshalb war ihm die Einigung Europas ein Herzensanliegen.

2022/23: Ein Schicksal, eine Zukunft

„Völkerfamilie Europa – ein Schicksal, eine Zukunft“ Motto unseres Präsidialjahres 2022/23

Mit diesem Motto haben wir bewusst den Faden aus dem Präsidialjahr 1976/77 aufgenommen, um ihn weiterzuspinnen. In den 46 Jahren dazwischen hat sich einiges getan. Damals, mitten im Kalten Krieg, war für die meisten von uns kaum vorstellbar, was wir inzwischen erlebt haben: den Fall der Mauer, den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Aufnahme unserer östlichen Nachbarstaaten in EU und NATO. Damit wurde einiges von dem erreicht, was man sich 1977 als Ziel vorgestellt hatte.

Europa mit seinen vielen Völkern hat für uns alle und für den Coburger Convent unverändert eine entscheidende Bedeutung. Unser Kontinent hat unzählige Kriege gesehen und wurde im 20. Jahrhundert durch zwei Weltkriege weitgehend verwüstet. Dennoch ist es den Europäern nach 1945 gelungen, ihr gemeinsames Schicksal über viele Jahrzehnte zum Positiven zu wenden und sich mehr auf das Gemeinsame als auf das Trennende zu konzentrieren. Umso mehr entsetzt es uns, dass knapp 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erneut ein brutaler Krieg in Europa ausgebrochen ist.

In Coburg haben wir bis 1989 die politisch erzwungene Teilung Deutschlands und Europas erlebt und jedes Jahr auf dem Marktplatz die Einheit angemahnt. Dieser Einheit Europas sind wir nach dem Fall des Eisernen Vorhangs einen großen Schritt nähergekommen. Das betrifft uns ganz unmittelbar, denn viele unserer Bünde haben, wie wir auch, Wurzeln in Orten, die heute nicht mehr in Deutschland, aber nach wie vor in Europa liegen. Heute können wir, anders als noch vor fast 50 Jahren, wieder nach Breslau und Prag fahren. Und mehr als das: Wir haben wieder Bundes- und Verbandsbrüder aus Städten wie Breslau und Prag.

Das ist ein Erfolg der Freizügigkeit. Unsere jungen Bundesbrüder können heute frei entscheiden, wo in Europa sie studieren und arbeiten wollen; niemand zwingt sie, ihre Heimat zu verlassen. Wir in Erlangen wissen, wovon wir reden: Erlangen ist ganz wesentlich eine Ansiedlung von Flüchtlingen, nämlich von französischen Hugenotten, die ab 1686 aus religiösen Gründen ihr Heimatland verlassen mussten und hier Niederlassungs- und Religionsfreiheit zugesichert bekamen. Die bedeutende Fakultät für evangelische Theologie an der Friedrich-Alexander-Universität ist bis heute ein Zeugnis dieser Geschichte.

Das Schicksal Europas berührt den Coburger Convent, seine Bünde und ihre Hochschulstädte zu allen Zeiten ganz unmittelbar. Im Licht der Globalisierung und mit Blick auf andere große Mächte außerhalb Europas wird immer deutlicher, dass die Völker Europas mehr verbindet als trennt und dass wir sie mit Fug und Recht als Völkerfamilie bezeichnen können. Das ist das Ergebnis von dreitausend Jahren gemeinsamer Kultur und Geschichte, gemeinsamer Entwicklungen in Wirtschaft und Wissenschaft und der vielfältigen Verbindungen zwischen Menschen über Grenzen hinweg.

Um auszudrücken, dass wir nach vorne schauen und dabei den Blick in die Vergangenheit für wichtig halten, verbinden wir im Motto die Worte „Schicksal“ und „Zukunft“. „Schicksal“ weist auf eine von außen vorgegebene Verbindung hin, etwa durch die geografische Nähe. Mit dem Wort „Zukunft“ zeigen wir, dass es uns darum geht, die Zukunft unseres Kontinents aktiv und gemeinsam zu gestalten. Gerade wir Deutschen in der Mitte Europas haben ein vitales Interesse an einer friedlichen und blühenden Völkerfamilie Europa, die ein gemeinsames Schicksal teilt und gemeinsam in eine gute Zukunft blickt, hoffentlich bald wieder in ganz Europa. Dazu wollen wir unseren Teil beitragen.

Gruppenbild der Saxo-Suevia mit den Chargierten in Wichs, Alten Herren und Gästen
Aktive, Alte Herren und Gäste am Stiftungsfest 2022